On a New Year`s Day in Japan

Um 9 Uhr wache ich auf, von alkoholbedingtem Kater oder sonstigen Party-Nachwirkungen keine Spur. Kein Wunder, haben wir doch gestern unsere Toshikoshi-Soba gegessen, die ein langes Leben versprechen, und waren sonst den ganzen Abend zu Hause bei der Familie meines Freundes. Das neue Jahr hat also ganz unspektakulär angefangen. Einerseits finde ich es entspannend, dass man nicht wie in Deutschland das Gefühl hat, man müsste in der Silvesternacht auf die tollste Party des Jahres gehen oder unbedingt etwas ganz außergewöhnliches machen, um das Jahr spektakulär ausklingen zu lassen, trotzdem fehlt mir irgendetwas. Das nächste Mal sollten wir definitiv wenigstens einen Tempelbesuch zu Mitternacht in Betracht ziehen.

Um 10 Uhr wird am Frühstückstisch das traditionelle Neuahrsessen aufgetischt. Dazu warmer Sake, mein Magen rebelliert ein wenig, aber tapfer nippe ich daran. Es gibt natürlich Osechi-ryori, die Mutter meines Freundes hat dafür stundenlang in der Küche gestanden und fast alles selbst zubereitet, anstatt, wie in letzter Zeit in Japan beliebter, ein fertiges Set zu bestellen. Jedes Gericht hat seine eigene symbolische Bedeutung, wie „Fruchtbarkeit“, „Erfolg“ oder „Glück“. Ich meide ein wenig den Heringsrogen oder andere fischige Gerichte, für die es noch zu früh am Morgen ist und halte mich stattdessen an die schwarzen Sojabohnen, die immerhin „Gesundheit“ symbolisieren, und den Süßkartoffel-Salat mit Kastanien, von dem ich mir gerne noch einen Nachschlag nehme.

Mein Freund meinte vor Kurzem zu mir: „Stell dir vor, dass jetzt Weihnachten in Deutschland wäre. In Japan fühlt man sich am Neujahrstag genauso.“ Tatsächlich kommt die Familie zusammen, und es wird viel gegessen und ein wenig getrunken. Nur die Geschenke und die kitschige Deko fehlen. Mir wird innerlich ein wenig warm, ich kann jedoch nicht genau zuordnen, ob es daran liegt, dass ich mich freue, im Kreis der Familie mitfeiern zu können, oder ob das doch der Sake ist. Die Gespräche, die meist von Onkel oder Vater geführt werden, sind erfrischend politisch, es geht ein wenig um die Probleme in China und Korea, die Geschichte Europas, mit Einwürfen über die leckeren Erdbeeren aus Nagasaki, die gerade aufgetischt werden. Im Hintergrund läuft der Fernseher, gerade findet der jährliche Neujahrsstaffellauf (ekiden) von Tokyo nach Hakone statt. Meine Gedanken schweifen ein wenig zu meinen eigenen guten Vorsätzen für das neue Jahr ab. Ein Halbmarathon, mehr Kanji lernen, mich nicht so sehr von Tokyo stressen zu lassen, jede Nacht ausreichend schlafen, neue Hobbies ausprobieren und alte wieder aufleben lassen. Letztes Jahr war ich erstaunlich konsequent darin, meine Neujahrsvorsätze in die Tat umzusetzen, für dieses Jahr bin ich also auch ganz guter Dinge.

Nach dem Essen schreibe ich noch einige Neujahrskarten, die wir extra designt und am elterlichen Computer ausgedruckt haben. Da dieses Jahr nach chinesischem Hororskop das Jahr des Schafes ist, ziert auch unsere Karten neben dem Fuji ein niedliches kleines Schaf. Neujahrskarten verschickt man hier traditionell an alle die Personen, mit denen man im letzten Jahr näher zu tun hatte. Ich bin ein wenig spät dran, denn idealerweise sollten die Karten am ersten Neujahrstag bei den Adressaten ankommen. Die Eltern haben einen ganzen Stapel erhalten, der, mit einem Gummiband zusammengehalten, heute morgen im Briefkasten gelandet ist.

Nachmittags geht es dann doch noch zum Tempel, um für das neue Jahr zu beten. Diese Tradition mag ich besonders, selbst wenn es heute für Tokyoter Verhältnisse ungewöhnlich kalt ist. Fröstelnd reihen wir uns in die Schlange der Wartenden ein; dass gerade ein paar Schneeflocken fallen, ist Gesprächsthema Nummer eins. Dann sind wir an der Reihe, ich werfe mein 5 Yen-Stück in die Urne und wünsche uns, Familie und Freunden alles Glück für das neue Jahr.
Und eine Jahresweissagung (Omikuji) muss selbstverständlich auch gezogen werden. Meine prophezeit mir „sho-kichi“, kleines Glück, für dieses Jahr: „If only you believe in the Divine and dedicate yourself, you will be justly rewarded.” Na dann…

2 Kommentare

  1. ZENKOJI!!!

    I love Nagano, it was my first city in Japan and it is still one of my favorites (or not my absolute favorite) place in all of the country.

    Your new years in Japan sounds so wonderful! I love the photos as always.

    Gefällt mir

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