Living in Japan: Tokyo vs. the Countryside

Als wir vor Kurzem in einem familienfreundlichen Izakaya (eine Art japanischer Kneipe, aber mit vielen Essensoptionen) zu Abend essen waren, saß am Nebentisch eine Gruppe junger Mütter mit Kindern, die sich eben wie Kinder benahmen. Da wurde ein Glas Wasser umgeschmissen und geweint, weil die Kleider nass geworden waren, da wurde gequengelt, dass man bald nach Hause möchte, weil man müde ist… Als die Gruppe sich auf den Nachhauseweg machte, entschuldigte sich eine der Frauen bei uns für den Lärm. Danach wurde eine Gruppe älterer Herren an den Nebentisch geführt, die entweder besonders gut gelaunt oder bereits ein wenig angetrunken waren, jedenfalls schäkerten sie fröhlich mit der Kellnerin und stimmten ein Lied an, alles ziemlich amüsant.

Auf dem Rückweg zu unserer Wohnung war auch ich gut gelaunt, und ich wusste gleich, warum: Jeden Tag, die Wochenenden mal ausgenommen, fahre ich in der U-Bahn eingequetscht zwischen gleichgültig wirkenden Menschen fast eine Stunde zur Arbeit. Da ich die Anteilnahmslosigkeit meiner Mitfahrer noch nicht so ganz drauf habe (ich werde aber besser!), erhöht die Bahnfahrt meinen Stresspegel jedes Mal ungemein. Was sind das für Menschen, frage ich mich oft, so ohne Emotionen, – obwohl auch ich ja zu dieser monotonen Masse gehöre, die sich tagein, tagaus fast roboterhaft aus den vollen Zügen quält, sich in die Schlange an der Rolltreppe einreiht und mit letzter Kraft (hey, es ist früh am Morgen!), die unzähligen Treppenstufen hinaus aus der U-bahn-Station ins Tageslicht stolpern.

Wenn man in Tokyo lebt und arbeitet, und sich jeden Tag mit dieser Anonymität (noch nicht einmal meine Nachbarn kenne ich) und scheinbaren Gefühlslosigkeit konfrontiert sieht, freut man sich dann doch manchmal über ganz normale menschliche Interaktionen wie laute Kinder oder gesellige Rentner im Restaurant. Versteht mich nicht falsch, Tokyo ist eine tolle und spannende Stadt, verspricht unzählige Aktivitäten und ist Shopping-Paradies schlechthin, – als Austauschstudentin hatte ich hier eine Menge Spaß. Nur wirklich in Tokyo zu leben und zu arbeiten kann ich nicht unbedingt empfehlen. Bei Unmengen an Überstunden und wenig Zeit, oder aber viel Zeit und nicht genug Geld für den teuren Spaß, oder, noch schlimmer, Unmengen an Überstunden und trotzdem wenig Geld, ist die Lebensqualität (Work-Life Balance!) woanders einfach besser.

Vielleicht fällt mir die Eingewöhnung in mein neues Leben auch deswegen so schwer, weil ich direkt davor zwei Jahre im sogenannten „inaka“, also auf dem „Land“ in Japan gelebt habe. In einer Stadt mit etwa 20.000 Einwohnern (nichts im Vergleich zu Tokyo mit seinen mehr als 13 Mio. Menschen!), ganz ohne Einkaufszentren und mit einer Bummelbahn, die nur etwa einmal die Stunde fuhr. Meine Wohnung, mit 64 Quadratmetern riesig für eine Person, lag zu Fuß etwa 4 Minuten von meinem Arbeitsplatz entfernt. Die Preise auf dem Land waren natürlich nicht vergleichbar mit Tokyo, für Miete und Lebenshaltungskosten zahlte ich nur ein Viertel von dem, was ich jetzt bezahle, und auch das Gemüse und Obst im Supermarkt, das direkt von den örtlichen Bauern geliefert wurde, war um ein Vielfaches billiger als in der Hauptstadt. Das beste an meiner Stadt jedoch waren wohl die Natur, – und die Menschen. Die kleine Stadt ist umgeben von Bergen, es gibt mehr Flächen mit Reisfeldern als bewohnte Häuser, und in den meisten Nächten kann man am Himmel klar die Sterne leuchten sehen. Die Menschen waren sehr herzlich, im Lieblings-Izakaya wurde man mit Namen willkommen geheißen, und im Supermarkt kam es gerne mal zum Smalltalk. Jemanden auf der Straße zu begrüßen war selbstverständlich, egal, ob man sich kannte oder nicht.

Aber obwohl ich dort eine tolle Zeit verbrachte, möchte ich dennoch nicht alles idealisieren. Das Leben auf dem Land (insbesondere als Ausländer) hat auch seine Schattenseiten. Zum Beispiel habe ich meine riesige und überaus schlecht isolierte Wohnung im Winter gehasst, – meistens war es dort nur 1-2 Grad wärmer als draußen und, ohne Witz, der Kühlschrank ab und zu der wärmste Ort im Haus. Zudem hatte ich oft ungebetene Gäste in der Wohnung. Kleine Frösche, Salamander oder Schnecken waren ja noch ganz niedlich, riesige handtellergroße schwarze Spinnen, die regelmäßig in Schränken oder an Türen auftauchten, waren für mich mit meiner Spinnenphobie hingegen der reinste Horror. Wenn man mal weggehen wollte, musste man mindestens eine Stunde (gerne auch zwei) in die nächste große Stadt fahren. Zudem fällt man als (nicht-asiatisch aussehender, und dazu noch blonder) Ausländer immer und überall auf. Wenn man in den Zug einsteigt, wird sofort getuschelt, und es kommt schon einmal vor, dass Kinder auf einen zeigen und ganz erstaunt „Ein Ausländer!“ rufen. Privatsphäre ist nicht so, und auch das kann ganz schön stressen. Das ist dann wiederum in Tokyo beispielsweise ganz angenehm, hier kann man sehr viel besser in der Masse der Touristen und arbeitenden Ausländer untergehen.

Auch wenn ich Tokyo derzeit mit sehr viel Stress assoziiere und gerne mit ein wenig Sehnsucht an mein Leben im inaka zurückdenke, weiß ich, dass das Gras auf der anderen Seite des Hügels ja immer grüner ist…Bis es mich also irgendwann an den nächsten Ort verschlägt, gebe ich mein bestes, mich mit Tokyo zu vertragen.

 


5 Gedanken zu “Living in Japan: Tokyo vs. the Countryside

  1. Ich kenne es zwar nur aus dem Urlaub, aber diese stoische, fast beklemmende Atmosphäre in der U-Bahn habe ich nur in Tokyo so wie du es beschreibst gespürt. In anderen Städten habe es deutlich lebendiger (aka normaler) erlebt, ohne das es laut oder nervig wie in Berlin war.

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    1. Danke fuer deinen Kommentar! Ja, ich glaube, Tokyo ist da schon ein Spezialfall, – ich glaube nicht, dass in anderen japanischen Grossstaedten die Rush-hour auch so schlimm ist…

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  2. Ah I love this post, it’s a very good retelling of life in the big city and the countryside!

    I never actually lived in Tokyo, but I know exactly what you mean about the ‚drones‘ of people and their emotionless faces. When I went back to visit Tokyo recently and I rode the Subway, I had chills run up and down my spine: no one was talking and it felt so cold–both physically and emotionally. I guess that’s why Tokyo is known as „tsumetai.“

    The countryside!!! I loved it too, until you mentioned bugs and I flashed back to the alien spiders that infested my balcony and the hordes of cockroaches in my house, haha. I guess you really can’t have it all!

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    1. I also hated the alien spiders -.- I lived on the ground floor, so apparently every insect wanted to come by and say hello XD
      I think, I am slowly getting used to Tokyo and the train rides, but it took a long time … It is really strange, how the people suddenly change on th trains and turn into these robot-like human beings ^^;

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