Japan vs. Germany III: About being an introvert

[Bitte beachten, dass ich mir hier zwar die Freiheit nehme, zu verallgemeinern, jedoch einzig und allein von meinen eigenen Erfahrungen berichte…]

Ich bin zu hundert Prozent introvertiert**. In meiner Kindheit hatte ich den Spitznamen „Professor“, weil ich irgendwie immer und überall Bücher gelesen habe. Je mehr Zeit ich mit Anderen verbringe, desto mehr Zeit brauche ich auch alleine, mit Filmen, dem Internet, beim Wandern, Lesen, Lernen oder einfach Nichts-tun und Nachdenken. Wenn ich mit einer Gruppe von mehr als 3-4 Leuten unterwegs bin, kann ich dabei noch so viel Spaß haben, es kostet mich Energie. Über meinem Kopf sehe ich dann den Ladenbalken einer Batterie auftauchen, der schnell weniger wird und anfängt gefährlich zu blinken. Dann weiß ich, dass ein Wochenendtag zu Hause angesagt ist und ich etwaige Einladungen absagen werde. Oft kann ich mich auch unter laute Gruppenkonversationen nicht gut mischen. Ich brauche Zeit, um über eine Antwort nachzudenken, und bis dahin sind die extrovertierten unter den Gesprächspartnern schon längst beim nächsten Thema angelangt.

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Daher wirke ich oft ruhig, was in Deutschland häufig als negativ angesehen wird/wurde. Von Arbeitgebern wurde mir gesagt, dass ich doch mehr aus mir herausgehen solle, und das egal, wie gut meine eigentlichen Leistungen waren. Ruhige Menschen gelten als nicht durchsetzungsfähig und gerade in der Arbeitswelt stehen sie oft im Schatten ihrer lauten und extroverteren Kollegen. Mein Ruhigsein wurde auch häufig als Schüchternheit angesehen. Dabei sind Schüchternheit und Introvertiertheit zwei völlig unterschiedliche Gefühlswelten. Schüchterne Menschen haben große Angst, von Anderen negativ bewertet zu werden. So gibt es durchaus ebenso extrovertierte Schüchterne. Introvertierte Menschen ziehen ihre Energie ganz einfach aus der Stille und Ruhe und ihren eigenen Gedanken; Umgang und Gespräche gerade mit unbekannten Menschen hingegen kosten sie viel Energie. Da ich in Deutschland jedoch immer wieder zu hören bekommen hatte, dass ich doch zu ruhig sei und mehr unter Menschen gehen solle, hatte ich bald das Gefühl, dass meine Introvertiertheit etwas Schlechtes sei und ich etwas an mir ändern müsse. Erst vor wenigen Jahren, nachdem ich einige Bücher über das Thema gelesen habe, habe ich wieder Frieden mit mir geschlossen und einfach akzeptiert, dass ich bin wie ich bin, und meine Introvertiertheit auch Vorteile hat: Hohe Konzentrationsfähigkeit über einen langen Zeitraum, die Fähigkeit, Situation schnell analysieren zu können, Kreativität und viele neue Ideen, etc. pp.

Und, ich gebe es ja zu, es hat auch geholfen, dass ich nach Japan gezogen bin. Während ich in Deutschland oft schnell den (negativen) Stempel der ruhigen, unzugänglichen Hanna aufgedrückt bekommen habe, wurde ich in Japan noch nie darauf angesprochen. Im Gegenteil, hier gelte ich wohl eher als diskussionsfreudig und augeschlossen. Vielleicht sticht auch einfach mein auffälligstes Merkmal zu sehr heraus, das von anderen zu bewertenden Eigenschaften ablenkt: das der westlichen Ausländerin 😉

Oder es liegt daran, dass ruhige Personen hier nicht als negativ angesehen werden, im Gegenteil, sie gelten vielmehr als wohlüberlegt, reif und als Leute, die sich gut in eine Gruppe eingliedern können. Wichtiger als die individuelle Persönlichkeit ist der Gruppengedanke, das Einhalten von Strukturen und Befolgen der Regeln, zumindest in der „Öffentlichkeit“ (zu Hause und unter engen kann das natürlich wieder anders aussehen). Das Bewahren der allgemeinen Harmonie ist wichtiger, als sich und seine Meinung in den Vordergrund zu stellen. Selbst das Introvertiertheit / Extrovertiertheit – Prinzip an sich ist wohl eher weniger bekannt in Japan, dabei gibt es durchaus auch viele extrovertierte Japaner, selbst wenn diese vielleicht auf den ersten Blick nicht so erscheinen.

Das Paradoxe ist dabei, dass Japan somit eigentlich ein angenehmes Leben für Introvertierte bietet, – wenn man mal von dem Schwerpunkt auf Gruppenaktivitäten in der Freizeit (je mehr Leute, desto besser, und am besten alles bis ins kleinste Detail durchgeplant) und den Großraumbüros am Arbeitsplatz (30-60 Menschen in einem Raum, ohne abgeteilte Räume, Hilfe, Stress!) absieht…aber nun ja, man kann wohl auch nicht alles haben 😉

**Eine gute Rede zum Thema Introvertiert-sein (in westlichen Kulturen) findet sich übrigens hier.

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Mehr posts zum Thema Japan vs. Germany:
Part I: Life
Part II: Christmas


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