Der Shikoku O-henro – Beginn einer Pilgerreise

Shikoku Plgerweg pilgrimage Japan Tempel spiritual

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Als wir nach den fünf Tagen an Tempel Nr. 23 (Yakuoji) und somit dem letzten Ort unserer allerersten Pilgerreise, ankommen, macht sich Erleichterung breit; endlich am Ziel! In rot- und organge-Tönen hat uns unser Ziel schon von Weitem von einem kleinen Hügel aus entgegengeleuchtet. Der Tempel befindet sich in Küstennähe, was uns zuvor eine entspannte gerade Strecke, begleitet vom Rauschen der Wellen und der salzigen Meeresluft beschert hat. Überhaupt war dieser letzte Pilgertag für uns der entspannendste, da wir nur 12 km auf ebener Strecke vor uns hatten, – nach den Strapazen der letzten Tage ein Segen. Auch die Sonne wagte sich heute zum ersten Mal in dieser Golden Week, die wir auf dem Pilgerweg in Shikoku verbrachten, schüchtern hinter den Wolken hervor.

Ich stehe also an der organgenfarbenen Brüstung des Tempels und überblicke eines der vielen kleinen Dörfer Tokushimas, die wir auf unserem Weg passiert hatten. Die meisten wirkten wie ausgestorben, was aufgrund der überalternden Gesellschaft hier durchaus der Wirklichkeit entsprechen könnte. Ein verhangener grauer Himmel machte die verlassenen Geschäfte, zerfallenden Karaoke-Bars und verblichenen Schilder, rostende Zeitzeugen einer bunteren Vergangenheit, zu einer trostlosen Kulisse, die wir müde durchschritten. Vereinzelte Traktoren und das Quaken der Frösche in den Reisfeldern hatten uns dennoch daran erinnert, dass auch hier Leben herrschte und unsere nächste Herbege für die Nacht nicht mehr weit sein konnte.

Nur der Ort heute, an unserem letzten Tag, wirkt heller und freundlicher und lebendig mit seinen offenen Geschäften und dem hippen Cafe an der Straßenecke, das noch nicht so ganz in das Bild des überalternden Tokushimas passt. Wahrscheinlich liegt es aber auch an den warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut und überhaupt dem Gefühl, dass wir es geschafft haben: 11 Tempel, rund 100 km, zwei Rucksäcke, zwei Pilgerstöcke (Kongozue) und wir, die wir ja nun mal gar keine Ahnung hatten, was da auf uns zukommen sollte, als wir fünf Tage zuvor ins Flugzeug nach Tokushima gestiegen waren. Hätte ich gewusst, wie schwer diese Reise für mich werden würde, hätte ich es mir den Antritt vielleicht zweimal überlegt. Selbst an diesem letzten Tag tun mir meine Schultern von den 7 Kilogramm, die ich mir jeden Tag von morgens bis abends aufgeladen habe, ungemein weh. Zudem ist da dieser stechende Schmerz in meinem rechten Knie und überhaupt meine Oberschenkel, in denen sich seit dem ersten Tag ein ungewont heftiger Muskelschmerz (-kater?) breit gemacht hat. Naiv wie ich gewesen war, hatte ich tatsächlich geglaubt, das bisschen Laufen würde ich mit Links schaffen. Haha. Bereits nach dem ersten Tag, nach den ersten 30 km, als ich Abends humpelnd in der Herberge eintraf, hatte ich meine Zweifel, ob ich am nächsten Tag überhaupt würde laufen können, ob meine Pilgerreise nicht bereits hier ihr Ende gefunden hatte. Und doch, und doch lief ich am nächsten Tag weiter, Schritt für Schritt, Schmerz für Schmerz, kämpfte mich zusammen mit Tomohiro die nächsten 25 km über zwei Berge und erreichte den letzten Tempel des zweiten Tages, wunderschön mystisch in Nebelschwaden getaucht, knapp bevor die Dunkelheit über den Wald hereinbrach, mit tränenden Augen. Irgendwie gehört das alles ja auch irgendwie dazu: Das Leiden und die Erkenntnis, dass alles nicht einfach ist, man aber doch weiterkommt. Schritt für Schritt für Schritt.

Und dann sind da auch die vielen schönen Erfahrungen, die wir unterwegs gemacht haben: Die wunderschöne Berglandschaft Tokushimas, in der wir zwei der Tempel, Kakurinji und Tairyuji inmitten der grünen Natur eingebettet vorfinden, der Abend in der urigen Herberge ganz aus Holz, an dem wir gemeinsam mit Pilgern aus Aichi und Chiba lebhaft Erfahrungen austauschen und den Geschichten des in die Jahre gekommenen Herbergsvaters lauschen, bis uns der Schlaf übermannt, der Busfahrer, der uns beim Vorbeifahren fröhlich zuzwinkert und überhaupt die vielen freundlichen Seelen Tokushimas, die uns lächelnd den Weg zeigen, als wir nur ein wenig verloren umhergucken, der alte Mann, der uns an einem Nachmittag mit strömendem Regen in sein Wohnzimmer einläd und uns mit Wasser, Essen, Geschichten und einem Regenschirm versorgt und die Frau, die uns mitten auf der Straße anhält, um uns eine Tüte mit Süßigkeiten zu schenken und viel Glück auf unserem weiteren Weg zu wünschen und natürlich die vielen anderen Pilger, die wir unterwegs treffen; alle haben sie das gleiche Ziel haben, Tempel für Tempel, – wie die Gruppe von drei Ausländern, die wir am zweiten, dritten und vierten Tag immer wieder unterwegs antreffen und die sich über das Wiedersehen genauso freuen wie wir. Wir alle spüren dieses unsichtbare Band, das uns Pilger wie eine kleine verschworene Gemeinschaft verbindet. All diese Erinnerungen und noch viel mehr trage ich im Herzen an diesem letzten Tag am Yakuoji Tempel. Das Laufen, dieses Wissen, wie weit meine Füße mich tragen können, diese minimalistischen Tage, an denen ein heißes Bad, ein warmes Abendessen und ein Bett das größte auf der Erde sind, das alles hat ein wenig den unsichtbaren Balast von meinen Schultern genommen, den ich seit Tokyo bei mir trug. Ich fühle mich leichter (trotz der 7 Kilo Gepäck) und begreife so langsam die heilende Wirkung einer solchen Pilgerreise.

Ein letztes Mal begehen wir das Shikoku-Pilgerritual, zünden am Tempel unsere Kerze und Räucherstäbchen an, schreiben unseren Wunsch auf unser Osamefuda (buddhistischer Namenszettel) und stellen uns für den Stempel und die Kaligraphie (Shuin) für unser Stempelbuch (Nokyo-cho) an. Mit einem letzten Blick auf den Yakuoji machen wir uns leichten Herzens auf den Rückweg. Nächstes Jahr möchten wir wiederkommen und unsere Pilgerreise auf dem Shikoku O-henro fortsetzen, weiterlaufen von Tokushima zur Präfektur Kochi zu Tempel Nr. 24 und darüber hinaus.

Tokushima sunset ocean

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Auf dem Shikoku Pilgerweg besucht man insgesamt 88 heilige buddhistische Orte, also Tempel, auf einer Länge von etwa 1200 km, – für die man eineinhalb bis zwei Monate benötigen würde, würde man die Strecke an einem Stück laufen. Dabei pilgert man durch die vier Präfekturen der Shikoku-Region, Tokushima, Kochi, Ehime und Kagawa. Tempel Nr. 1 befindet sich in Tokushima, der letzte Tempel in Kagawa, man muss die Tempel jedoch nicht in der vorgegebenen Reihenfolge besuchen und kann, wie wir es getan haben, an einem beliebigen Tempel starten oder auch in entgegengesetzter Reihenfolge der Tempel laufen.

Links:
Geschichte des Shikoku O-henro
Karte inklusive Distanz zwischen den Tempeln


2 Gedanken zu “Der Shikoku O-henro – Beginn einer Pilgerreise

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